Der Wolf und die Wandlungsfähigkeit der Gesellschaft

Geliebt und verteufelt zugleich. Kein anderes Tier berührt uns Menschen derart emotional wie der Wolf. Das gilt auch für mich, vielleicht sogar in besonderem Maße. Monate habe ich im Norden Kanadas in Wolfsgebiet verbracht und immer wieder ihrem Heulen gelauscht, lange bevor sie wieder in Deutschland Fuß fassten. Ein einziges Mal nur bekam ich einen in freier Wildbahn zu Gesicht: bei einer ausgedehnten Hundeschlitten-Tour im schwedisch-norwegischen Grenzgebiet. Was für ein Glück!

Kann man – kann ich – überhaupt über den Wolf sprechen, ohne emotional zu werden?

Reduzieren wir erst einmal die Komplexität und stellen fest: Der Wolf ist wieder da. Er ist gekommen, um zu bleiben und erweitert sein Verbreitungsgebiet. Unbestreitbar ist auch, dass Wölfe Nutztiere reißen und dabei mitunter deutlich mehr töten, als sie fressen können. Was qualvoll und tödlich für die Tiere ist, kann für den Tierhalter traumatisierend sein.

Seien wir ehrlich: Beim Wolf geht es nicht ums Geld.

Der unmittelbare finanzielle Schaden ist hingegen gering. Im Jahr 2017 wurden gut 111.000 Euro an Entschädigungen ausgezahlt. Eher ins Gewicht fallen die knapp 1,4 Mio. Euro für Herdenschutz und andere Präventionsmaßnahmen im gleichen Zeitraum (Quelle: jagderleben). Bemerkenswert: Das Wolfsland Thüringen kommt mit 6.675€ für Prävention aus und muss dennoch nur 8.850€ an Schadensausgleich (ebd.). Es muss dahin gestellt bleiben, inwieweit die hohen Kosten für Präventionsmaßnahmen politisch motiviert sind.

Zum Vergleich: Die deutschen Versicherer zählten im Jahr 2017 rund 275.000 Wildunfälle und zahlten dafür 744 Mio. Euro an die Versicherten aus (Quelle: GDV).

Es wird ausgiebig darüber gestritten, wie gefährlich der Wolf für den Menschen tatsächlich ist. Mit etwas gesundem Menschenverstand wird man zugeben müssen, dass er nicht völlig ungefährlich ist. Sicher ist er keine blutrünstige Bestie, die unsere Kinder aus der Krippe klaut. Ebenso gibt keinen Beleg dafür, dass ein Wolf in Mitteleuropa jemals eine Großmutter gefressen hätte.

Real ist nicht so sehr das Risiko als viel mehr die Angst vor dem Wolf.

Angst ist selten ein guter Ratgeber und bezogen auf den Wolf ist die Angst oftmals maßlos übertrieben. Die Statistiken zeigen jedenfalls eine enorme Diskrepanz zwischen dem echten Risiko einer gefährlichen Begegnung auf der einen und der Angst vor einer solchen Begegnung auf der anderen Seite.

In Ländern, in denen die Menschen den Wolf nicht ausgerottet haben, gibt es teilweise Ressentiments und Aversionen gegenüber dem Wolf. Angst vor ihm gibt es dort nicht. Das spricht dafür, dass ein Teil der Wolfsangst hierzulande aus der bloßen Angst vor Veränderung resultiert.

Wie so oft sagt der Umgang mit dem Fremden mehr aus über uns als über die Fremden.

Daher habe ich die Hoffnung, dass wir uns an den Rückkehrer gewöhnen und mit der Normalität der Realitätsinn zunimmt und die Angst schwindet.

Dennoch müssen wir aktuell die Angst ernst nehmen. Wir können sie durch Aufklärung über die Fakten mildern. Und wir können zu Maßnahmen greifen, reale Risiken zu minimieren. Ein vernünftiges Wolfsmanagement ist eine wichtige Säule. Ganz wichtig ist aber auch ein besseres Verständnis für das Verhalten gegenüber dem Wolf.

Wölfe müssen scheu bleiben

Um der Wölfe Willen dürfen wir sie nicht in der Nähe von Menschen tolerieren.  Das gilt in der freien Natur ebenso wie – selbstverständlich – in der Nähe von Ortschaften. Wölfe dürfen sich nicht wiederholt Menschen nähern oder gar durch Orte streifen. Das ist kein natürliches Verhalten und der erste Schrit zu einem Konflikt. Wer den Wolf schützen will, muss ihn mit aller Vehemenz scheu halten.

Die Jäger können einen wertvollen Beitrag im Umgang mit dem Wolf leisten. Sie unterstützen schon in vielen Gebieten das Wolfs-Monitoring, kennen sich in ihrem Revier oft hervorragend aus und zählen regelmäßig zu den ersten, die die Anwesenheit von Wölfen wahrnehmen. Und sie haben die Möglichkeiten, Wölfe scheu zu halten.

Da ein Teil der Ängste auch aus einem Gefühl der Hilflosigkeit gegenüber dem Wolf resultiert, lässt die Einbeziehung der Jäger eine Beruhigung der Gemüter erwarten. Wir haben die wilde Natur dann wieder im Griff. Rotkäppchen wurde ja schließlich auch vom Jäger gerettet.

Die dunkle Seite der Jäger

Es besteht allerdings die ganz reale Gefahr, dass die Jäger über das Ziel hinaus schießen. Sie sehen sich oft als die Spitze der Nahrungskette und fühlen sich durch den Wolf in dieser Spitzenposition herausgefordert oder gar bedroht. Sie haben zwar keine Angst vor einer Wolfsattacke. Aber die zahlreichen Alfa-Tiere unter den Jägern teilen halt nicht immer gern. Aus eigener Erfahrung als Jäger kann ich klar sagen, dass so ein Alfa-Denken unter ihnen weit verbreitet ist. Viele Jäger sagen hinter vorgehaltener Hand, dass sie jeden Wolf schießen würden, der ihnen vor die Büchse kommt.

Diese Gespräche sind für mich mitunter ein Déjà-vu. Als vor bald 20 Jahren die ersten Auswilderungsversuche des Luchs in Deutschland unternommen wurden, argumentierten viele Jäger ebenso – und auch mit erstaunlicher Inbrunst. Kaum einer dieser Jäger wird bis heute je einen Luchs gesehen haben. Die Faktenlage hat sich in den Jahren nicht geändert. Nun sagen sie, der Luchs sei Ihnen jetzt willkommen, er gehöre ja in die Natur und – ach – die paar Rehe… „Aber der Wolf!“ ging bis jetzt ausnahmslos jedes dieser Gespräche weiter.

Wenn Jäger nicht nur aus Egoismus heraus auftreten, sondern sich beim Wolf sogar noch als Beschützer unserer Kinder – ja der Gesellschaft – fühlen, steigt das Risiko für den Wolf erheblich. So eine Einstellung ist natürlich ebenso Quatsch wie kriminell.

Der Wolf ins Jagdrecht?

Die Jagdverbände haben sich daher (zum Teil unterschiedliche) Argumente bereit gelegt, ihre Positionen zum Wolf deutlich vernünftiger zu begründen. Unterm Strich sehen sich manche Landesjagdverbände als „Regulatoren“ der Wolfsbestände. Sie setzen sich dafür ein, die Bestände niedrig zu halten und verweisen auf die Praxis in Skandinavien. Andere Jagdverbände lehnen die Aufnahme des Wolfs ins Jagdrecht ab, weil sie befürchten, dass sich damit die Politik aus dem Thema zurückziehen könnte.

Diese Sorge halte ich für berechtigt. Wenn die Politik die Verantwortung für den Wolf abgibt, droht eine Instrumentalisierung der Wolfsprobleme und mit ihr eine weitergehende Spaltung in Freund und Feind. Konstruktive Lösungen rückten in die Ferne.

Der Wolf gehört daher ins Jagdrecht, aber nicht schon jetzt. Es ist zunächst Aufgabe der Politik, die unterschiedlichen Strömungen in der Gesellschaft aufzunehmen und Lösungen bereitzustellen. Der aktuelle Hype um den Wolf wird schwinden und die Gemüter werden sich mit der Zeit beruhigen. Er ist weder Messias noch Teufel. Er ist ein heimisches Wildtier.

Wir haben weder einen Grund, noch das Recht, ihn noch einmal auszurotten.